Leseprobe

Prolog
Berlin, September 2020

Das grelle Display ist die einzige Lichtquelle in meinem Zimmer.

32.593 Follower. 1,2 Mio. Likes.

Die Zahlen verschwimmen vor meinen Augen. Meine Schläfen pochen. Ich sollte etwas trinken, denn ich habe viel zu lange nichts mehr getrunken. Ich sollte mich umziehen, denn ich stecke schon viel zu lange in dieser Kleidung. Ich sollte …

einfach mal die Fresse halten #löschdich
geh sterben drecksfotze

du gehörst mal wieder richtig durchgefickt

Wieso habe ich es so weit kommen lassen
?, frage ich mich zum tausendsten Mal. Ich hätte es stoppen sollen, direkt, als es losging. Ich war naiv. So naiv.

Ich blinzle die Tränen weg. Beiße mir auf die Unterlippe, bis sich ein metallischer Geschmack über die bitteren Schuldgefühle legt.

wir wissen wo du wohnst schlampe

Ein erstickter Laut dringt aus meiner Kehle. Mein Finger schwebt über dem Display.
Es sind zwei Klicks. Konto löschen. Und: Bestätigen.

Ich ringe nach Luft. Das Handy rutscht mir aus den Fingern, prallt dumpf auf den Boden. Ich stehe auf und greife nach dem weißen Top, das seit Wochen auf meinem Kleiderstuhl liegt. Mit einer heftigen Bewegung stopfe ich es in den Mülleimer neben meinem Schreibtisch, drücke so lange mit der Faust hinein, bis es zwischen alten Schulheften und Chipstüten verschwindet. Du warst so dämlich, Mia. So verdammt dämlich.
Kraftlos sinkt meine Hand nach unten. Ich starre auf den abgenutzten Teppichboden meines Zimmers und warte darauf, dass sich mein rasendes Herz beruhigt.
Irgendwann wird mein Durstgefühl so übermächtig, dass ich mich rausschleiche. In der Wohnung ist es still, Mom schläft. Ich gehe ins Bad, halte meinen Mund unter den Wasserhahn. Lasse das kalte Wasser gierig in meinen Hals laufen, bis ich mich verschlucke. Würgend richte ich mich auf und huste. Magensäure steigt in meiner Speiseröhre auf.

Ab jetzt wird es vorbei sein. Endgültig vorbei.

Ich streiche mir eine rotblonde Haarsträhne aus der Stirn und betrachte mein blasses, schmales Gesicht im Spiegel.

Und in diesem Moment schwöre ich mir zwei Dinge.
Erstens: Ich werde nie wieder einen Fuß auf Social Media setzen.
Zweitens: Ich werde nicht aufhören, an meinen Traum zu glauben.

Für mich.
Für Mom.
Und für alle Frauen da draußen.

1. Kapitel
San Diego, Kalifornien, Juli 2025

Das Meeresrauschen, das durch die offene Balkontür hereindringt, klingt wie ein Versprechen und eine Mahnung zugleich. Willkommen in deinem neuen Lebensabschnitt, Mia. Barfuß trete ich vom Spiegel zurück, schäle mich aus meinem grauen Sweatshirt und werfe es zu den anderen Kleidungsstücken auf dem Bett. Wie hypnotisiert starre ich auf das aufgewühlte Meer. Es ist einer dieser surrealen Kann-mich-mal-jemand-kneifen-Momente. Doch ich bin wirklich hier. In San Diego. Genauer gesagt: im Herzen von Pacific Beach oder PB, wie die Einheimischen sagen. Vor fünf Stunden bin ich am Flughafen durch den Immigration-Schalter in ein neues Leben getreten. Oder zumindest in das Versprechen darauf.
„Mist“, stoße ich aus, als mein Blick auf den Wecker neben dem Bett fällt. Mir bleiben fünf Minuten, um es pünktlich zu meiner ersten Veranstaltung am College zu schaffen – dem traditionellen Willkommens-Barbecue am Strand. Geistesgegenwärtig fällt mir ein, dass ich dafür sicherlich etwas Badetaugliches brauche. Also tausche ich meine Unterwäsche gegen meinen pinken Lieblingsbikini von H&M. Während ich versuche, die ausgeleierten Schnüre enger zu knoten, klopft es energisch an der Tür. Kaum eine Sekunde später wird sie schwungvoll aufgerissen und meine Mitbewohnerin Olivia Schrägstrich „Aber nenn-mich-um-Gottes-Willen-Liv“ stürmt herein. Sie ist Halbgriechin, studiert Hospitality und Tourism Management im dritten Jahr und ihre Eltern besitzen ein Weingut in San Francisco, wo sie auch geboren und aufgewachsen ist, wie sie mir in einem Atemzug erklärt hat.
„Oh, là, là“, sagt sie bei meinem Anblick und zieht ihre perfekt in Form gebrachten Augenbrauen nach oben.
Ich verschränke die Arme vor meinem Oberkörper und sinke auf die Bettkante. Mit Livs Kurven, die von ihrem olivfarbenen Maxikleid betont werden, kann ich nicht mithalten. Ebenso wenig wie mit ihren haselnussfarbenen Haaren, die in lässigen Beach Waves über ihre Schultern fallen. Sobald ich versuche, meine rotblonden Haare in irgendeine Form zu bringen, bahnen sie sich nach ein paar Minuten den Weg zurück in die Freiheit. Ich verfluche mich dafür, in Zeiten von Body Positivity immer noch diese Gedanken zu haben, doch sie lassen sich einfach nicht abstellen, egal wie sehr mein Verstand dagegen ankämpft.
Liv blickt zwischen mir und meinem Kleiderhaufen hin und her und tippt sich mit dem Zeigefinger gegen die rot geschminkten Lippen. „Eine Sekunde, Sweetheart“, sagt sie im breiten amerikanischen Englisch. So schnell, wie sie hinausläuft, kommt sie auch wieder. „Schenk ich dir.“ Sie drückt mir ein weißes Shirt und eine Jeansshorts in die Hand, an der noch das Preisschild baumelt. Ein dreistelliger Betrag. Von meinem Gehalt, das ich für den Aushilfsjob im Hotel bekommen habe, hätte ich mir das mühselig zusammensparen müssen. „Danke, das kann ich nicht annehmen“, antworte ich. Ich bin froh, dass ich dank meiner Vorliebe für englische Netflixserien mühelos mit Muttersprachlern mithalten kann.
„Probier es wenigstens mal an.“ Livs smaragdgrüne Augen funkeln so warmherzig, dass ich mich geschlagen gebe und das Outfit anziehe. Während ich mich prüfend im Spiegel betrachte, löst Liv meinen Zopf und wuschelt einmal durch meine Haare. „Eine zehn von zehn.“ Zufrieden streckt sie den Daumen hoch.„Hm“, murmle ich, schlüpfe in meine Flip-Flops und zupfe an der Shorts. Ist sie zu kurz?, frage ich mich. Dann: Du wolltest damit aufhören, Mia!
Bevor ich weiter ins Grübeln verfallen kann, dirigiert Liv mich aus dem Schlafzimmer in den Flur.
Vor der Garderobe bleibt sie stehen und legt ihre Hände auf meine Schultern. „Lass dir einen Tipp von einem alten Hasen geben“, raunt sie. „Bei diesem Barbecue werden die Weichen für den Sommer gestellt. Also setz verdammt noch mal ein Lächeln auf und …“ Sie drückt von hinten gegen meinen Rücken, bis sich mein Brustkorb hebt. „Schon besser.“
Liv zwinkert mir zu, ehe sie lachend die Tür aufstößt und wir gemeinsam über die Holztreppe aus dem ersten Stock nach unten laufen.

Folge mir auf Social Media

© 2026 by Julia Reymers